Arminio
Die Landkarte knisterte, als Arminio sie auf seinem Schreibtisch in Rom auffaltete. Da er kein Erdmagier war, hatte er sich vor einigen Tagen die wichtigsten Minen eingezeichnet und sie mit Zahlen in der entsprechenden Reihenfolge nummeriert, in der er sie anschließend besucht hatte. Seine Finger streiften über die roten Markierungen und er grinste. Als Capitano hatte es ihm großen Spaß bereitet, sich verkleidet unter die Einheimischen zu mischen. Mit ein paar gezielten Fragen hatte er von ihnen erfahren, wo die illegalen Arbeiter wohnten, da er deren Gedanken las. Das hatte seine Landkarte um einige neue Minen erweitert.
Magister Thiveus saß an seinem Schreibtisch und stützte den Kopf in die Hände. „Meine arme Tochter.“ Als er aufsah, fielen dem Capitano die leuchtend blauen Iriden des Luftmagiers auf. „Magister Arminio, ich bin so froh, dass ihr diesen Auftrag annehmt. Ich habe gehört, Ihr seid eine Koryphäe in Eurem Gebiet.“
„Fast 60 Jahren finde ich Vermisste auf der ganzen Welt, Magister Thiveus. Ich kenne niemanden, der besser ist. Erzählt mir von Lorelia.“
In seiner magischen Sicht registrierte Arminio, wie ein Lächeln über das Gesicht des Luftmagiers huschte. Doch er setzte seine trübe Miene auf, ehe er sein Haupt hob. „Bestimmt hat sie sich wieder verirrt. Sie war in letzter Zeit so zerstreut.“
Arminio horchte auf. „Warum war sie zerstreut?“
„Die viele Arbeit mit der Plantage und ihrem Studium setzten ihr zu.“
„Was können Sie mir noch über ihre Tochter berichten? Hatten sie Streit?“
„Nein, wir hatten großartige Pläne. Sie half mir auf der Tabakfarm und passte auf die Pflanzen auf. Gut, wir sind einige Male wegen der Bewässerung aneinandergeraten. Wenn ich sie kritisierte, brach sie schnell zusammen. Aber sind nicht alle Frauen so? Man kann sie nicht immer auf Händen tragen.“ Thiveus lächelte, wobei seine vergilbten Zähne sichtbar wurden.
Arminio nickte, um ihn in seiner Aussage zu bestätigen. Während seiner Arbeit hielt er seine Meinung bedeckt. Er wollte die Armlehne seines Sessels nutzen, entschied sich jedoch dagegen. Alles in diesem Raum war von einer dünnen Schicht Tabak überzogen. Selbst die Glasscheiben ließen nur diffus das Licht hindurch. Nachdem er die Beine übereinandergeschlagen hatte, legte Arminio seine Hände darauf ab. „Wann habt Ihr Lorelia zuletzt gesehen?“
„Das muss etwa drei oder vier Wochen her sein.“
„Ihr kennt das genaue Datum nicht mehr?“
„Ach, der Handel macht so viel Arbeit. Ich war mit Vorbereitungen beschäftigt, damit meine geliebte Tochter eines Tages meine Geschäfte übernehmen kann. Wir sind uns täglich im Vorbeilaufen begegnet.“ Thiveus wedelte mit der Hand.
Sein Instinkt meldete Arminio, dass er log. „Für meine Arbeit benötige ich eine Erinnerung ihrer Tochter. Ich muss ein Wärmebild ihres Körpers erhalten, damit ich sie von anderen Frauen unterscheiden kann.“
Thiveus hustete. „Ihr habt bereits die Zeichnung bekommen.“
„Die reicht mir für meine Arbeit nicht.“
„Wisst ihr, Erinnerungen teile ich nicht gern. Die Nachwirkungen lähmen mich tagelang, und ohne Lorelia muss ich die Geschäfte ganz allein führen.“ Thiveus holte ein altes Taschentuch aus der Hose und tupfte sich damit die Schweißperlen von der Stirn.
Arminio hielt die Faust vor den Mund und räusperte sich, um seinen Unmut zu überdecken. Der Capitano fragte sich erneut, warum Thiveus nicht sein Aussehen anpasste, wie alle anderen Magier. Mit dem grau melierten Haar schätzte er sein Gegenüber eher auf fünfzig Jahre als üblicherweise in den Dreißigern. „Ihr seid Euch sicher, dass sie noch lebt?“
„Das hat mir die Chronomaga versichert.“ Mit zitternden Fingern griff Thiveus nach einer Zigarrenschachtel.
„Und eine Lösegeldforderung habt ihr auch nicht erhalten?“
„Dann hätte ich la Policia beauftragen können. Nein, ich bin mir sicher, dass Lorelia nicht entführt worden ist.“
„Gut. In welchem Gebiet soll ich Eurer Meinung nach starten?“
„Mit Magistra Glandera, ihrer Meisterin, verbrachte sie viel Zeit in Minas Gerais. Die Edelsteinvorkommen sind kein geeigneter Lebensraum für eine zerbrechliche Frau wie Lorelia. Es wimmelt dort von Schlangen, Pumas und giftigen Spinnen. “
„Da stimme ich Euch zu.“
„Bitte, nehmt den Auftrag an. Findet sie und bringt sie zurück. Das Gold wartet bereits in meinem Tresor auf Euch.“
Thiveus sprach die Wahrheit, doch hatte Arminio wieder dieses seltsame Gefühl im Bauch. „Das werde ich, Magister Thiveus.“
„Schnellstmöglich. Wir haben Termine einzuhalten. Ich brauche Lorelia hier vor Ort“, drängte der Luftmagier.
„Ihr spracht von Familienangelegenheiten. Welche sind das genau?“
„Sie soll …“ Thiveus stutzte. „Sie soll die Familiengeschäfte übernehmen. Das sagte ich bereits.“
„Ach ja, stimmt.“ Arminio stand auf. „Dann will ich Euch nicht länger stören.“
„Ich begleite Euch hinaus.“
Der Stuhl knarzte, als Thiveus aufstand. Arminio fiel auf, dass der Luftmagier hochwertige Kleidung trug, die zwei Brandlöcher enthielt. Der ehemals weiße Hut, den er aufsetzte, hatte Griffspuren, und rundete Arminios Eindruck des leicht übergewichtigen Mannes ab. Er schien der Psionik nicht sonderlich mächtig zu sein, sodass es für sein Aussehen nicht reichte. Wenn Arminio wollte, konnte er wie Butter in die Gedanken des Magisters eindringen und die Wahrheit herausfinden – doch der Kodex der Magierakademie hinderte ihn daran.
Im Freien atmete Arminio tief durch. Die frische Luft in seinen Lungen tat gut.
Thiveus nestelte an seiner Gesäßtasche und bot ihm eine Zigarre an. „Raucht Ihr?“
Obwohl Arminio gelegentlich nicht abgeneigt war, schüttelte er den Kopf. Sein magischer Blick schweifte über das Gelände. Wenngleich Thiveus Magier war, hatte er zahlreiche Wachleute, um sein Grundstück postiert. Allein auf dem Hof zählte er fünf, um das Anwesen sieben und in den Plantagen versteckten sich weitere.
„Habt Dank für Eure Zeit.“ Thiveus streckte ihm die Hand entgegen.
Arminio neigte sein Haupt. „Ich danke für Euren Auftrag. Ich werde mich telepathisch bei Euch melden.“ Dann öffnete er ein Portal nach Catania. Er sehnte sich danach, ein heißes Bad zu nehmen.