Als Vittorio zur Terrasse hinausrief, wandte Justine sich zuerst um. Sie hatte noch immer Justins Hand in der einen und Litos in der anderen, als hätte sie die beiden festhalten müssen, damit keiner von ihnen dem Garten oder dem Hof nahe kommen könnte. Justin löste sich nicht sofort. Sein Blick blieb noch einen Moment auf dem schmalen Durchgang hinter dem Haus, dort, wo die Schatten der Klippen den Blick zur Kapelle hinauf lenkten.
„Das Dessert“, sagte Vittorio. „Ich bestehe darauf, dass wir wenigstens den süßen Abschluss gemeinsam einnehmen mit einem starken griechischen Kaffee.“
„Desserts sind die Kronen jeder Köchin: Entweder glänzend oder erbärmlich. Ich bin gespannt, was uns hier erwartet“, sagte Lito und trat mit Justine über die Schwelle. „Und Erwartung duldet keine Verzögerung.“
Justin folgte ihnen langsamer. Brian sah ihn sofort an.
„Alles okay, Sonnenschein?“
„Nein“, sagte Justin leise. „Zumindest aber haben wir einen vollmundigen Vollmond, dessen Licht das Meer in Silber verwandelt.“
Brian rückte den Stuhl neben sich zurück. Justin setzte sich, ohne auf seinen unberührten Teller zu sehen. Das Lamm war schon fortgenommen, aber der Duft hing noch im Raum.
Justine setzte sich nicht gleich. Sie sah ihre Mutter an, dann Mary, dann Sun. Ihr Blick blieb bei Sun einen Augenblick länger.
Wolfgang nahm sein Glas. „Wir hatten phantastisches Lamm mit gequetschten Ziegenkäsebällchen mit einer verbalen Probeverhandlung gegen Sun, nur weil sie mit der Leiche gefunden wurde und alle anderen ein Alibi haben.“
Justine wandte den Kopf zu Mary. „Wozu bräuchten wir ein Alibi? Es war doch kein Mord.“
„Das wird noch zu klären sein. Deine Freundin hat sich erklärt, quasi ein Geständnis, dass sie eine koreanische Kampfkunstspezialistin ist, die die Frau mit einem Handschlag hätte köpfen können“, sagte Mary.
„Sun hat meditiert, nicht guillotiniert. Die Leiche hatte ihren Kopf noch auf den Schultern.“
„Umso leichter, wenn man jemanden nur über eine Klippe stoßen muss“, sagte Mary. „Heute Abend muss sich jeder jedem erklären. Das ist eine der wenigen ehrlichen Folgen des Todes. Vielleicht ist das sogar ein Geschenk, um Danes Tod in ein friedlicheres Licht zu rücken. Er hat wenigstens eine Familie, die um ihn trauert, diese Fremde hat niemand.“
Meghan flüsterte: „Das wissen wir nicht.“
Lito setzte sich neben Justine.
Emmett hob den Blick. Er wirkte neugierig und beschämt, aber als Lito sich setzte, lächelte er trotzdem ein wenig.
„Der Erdäpfelstrudel war hervorragend, um den Bratensaft aufzusaugen. Und erst die Fisolen, knackig wie frisch geerntet.“
Die Köchin kam zurück.
Diesmal schob sie keinen Wagen, sondern ließ sich Zeit für ihren Auftritt. Zuerst trug sie ein großes rundes Tablett herein, auf dem kleine Mokkatassen standen, weiß und goldgerandet, jede auf einer Untertasse mit einem winzigen Löffel. Dahinter erst folgte ein Wagen, von dem nur ein silberner Deckel zu sehen war, hoch gewölbt, fast wie eine kleine Kuppel mit starkem Raureif überzogen.
Auf dem unteren Fach standen eine Kanne mit heißem Mokka, eine Karaffe Metaxa, eine schmale Flasche Orangenlikör, eine Silberschale mit kandierten Orangenscheiben und Feigenvierteln, eine kleine Schüssel Granatapfelkerne und eine lange Silberkelle.
Emmett richtete sich auf, als hätte jemand im Raum einen Ordnungsruf getätigt.
„Oh ja“, sagte er. „Das ist nicht einfach ein Feigenstrudel. Das ist eine gesüßte Prozession.“
Bianca stellte das Tablett mit den Tassen auf die Anrichte. Dann schob sie den Wagen neben den Tisch, genau an jene Stelle, an der zuvor der Oktopus tranchiert und das Lamm geöffnet worden war.
„Bombé surprisè“, sagte sie.
Der Name allein genügte. Selbst Mary sah hin, bevor sie sich entscheiden konnte, nicht beeindruckt zu sein.
Bianca hob die silberne Kuppel ab.
Darunter stand eine halbkugelige Bombé auf einer runden Silberplatte. Sie war mit einer hellen Baiserhaube überzogen, deren Spitzen bereits leicht gebräunt waren. Dazwischen schimmerten kandierte Orangen, Feigen und Pistazien. Am unteren Rand sah man eine dünne, glatte Marzipanschicht, gerade genug sichtbar, um zu verraten, dass die weiße Oberfläche nicht alles war. Um die Bombé lagen weitere Früchte auf kleinen Zuckerwürfeln, sorgfältig angeordnet wie ein Blütenkranz.
Justin sah die Form, die Linie, die Höhe, den weißen Glanz, die goldenen Stellen.
„Das ist wunderschön“, sagte er. „Ich muss es mir merken, um es nachher zeichnen zu können.“
Brian sah erst Justin an, dann das Dessert.
„Innen Masticha-Eis, Honigjogurt, Feigen, Orangenbiskuit und Pistazien“, erklärte Bianca. „Außen Marzipan, Baiser und kandierte Früchte. Die Bombé surprisè ist eine Überraschung für alle Sinne.“
„Warum?“, fragte Emmett sofort.
„Da sie sie jetzt schon sehen. Aber gleich werden sie sie riechen, schließlich mit ihrer feinen Zunge zuerst fühlen und zuletzt schmecken. Und wenn sie jetzt genau zuhören, werden sie das leise Knistern der Baiserkuppeln vernehmen, während sie von den Flammen berührt werden.“
Vittorio nickte. „Unsere Küche hat ein Kunstwerk geschaffen, so beeindruckend und vergänglich wie das Leben selbst. Deshalb war es mir wichtig, dass wir alle wieder zusammenkommen dafür.“
Für einen Moment erfüllte Stille den Raum. Dann lachte Lito auf, nicht laut, aber warm genug, um die Schärfe zu entschärfen.
Meghan sah zu ihm. „Ich kann es mir nicht vorstellen.“
Die Köchin schenkte Metaxa in eine kleine Kupferkasserolle, gab etwas Orangenlikör dazu und stellte sie auf einen Spiritusbrenner. Der Duft veränderte sich: süßer, wärmer, mit Orange und Holz und jener alkoholischen Schärfe, die sich ankündigte, bevor sie brannte.
Emmett faltete beide Hände vor dem Mund. „Schon der Geruch hat mich verführt.“
„Ich denke nicht, dass man das alleine schon beichten muss“, sagte Vittorio.
„Noch ist der Abend nicht vorbei. So tragisch es klingt, inzwischen bin ich froh, dass wir nach dem Aperitif die Insel nicht verlassen mussten.“
Brian beugte sich zu Justin. „Wenn du das malst, nenn es nicht mehr Dessert.“
„Wie dann?“
„Akropolis aus Metaxa, Marzipan und Zucker.“
Justin sah zur Bombé, dann zu den Gesichtern am Tisch. Marys Smaragd reflektierte das Kerzenlicht. Meghan hatte die Schultern gestrafft, als müsste sie eine Prüfung bestehen in einem Polarfeld. Fiona saß gerade und sah auf die Hände ihrer Tochter. Sun wirkte ruhig, aber ihre Augen folgten jeder Bewegung Litos. Wolfgang sah nicht zur Bombé, sondern zu Emmett. Emmett sah überall hin. Lito beobachtete Justine, die wiederum in ihre Mokkatasse starrte, als könnte sie durch die schwarze Flüssigkeit das Dunkel von Danes Tod verdecken, wenn sie nur heftig genug umrührte.
„Vielleicht“, sagte Justin, „nenne ich es eisiges Herz im brennenden Heiligenschein.“
Brian antwortete nicht. Er legte nur für einen Moment seine Finger an Justins Handrücken.
Meghan sah es. Diesmal sagte sie nichts, sondern tröstete sich selbst über die Provokation mit einem ungezuckerten Schluck des starken Kaffees.
Die Haushälterin nahm die Kasserolle vom Brenner und goss den heißen Alkohol über die Früchte auf der Silberplatte. Dann füllte sie die Kelle, hielt sie über die Flamme und entzündete sie.
Blaues Feuer erschien zuerst, fast unscheinbar. Dann wurden die Flammen größer, gelber an den Rändern. Bianca ließ die Kelle langsam über die Bombé kreisen, ohne sie sofort zu übergießen, um die Spannung des Publikums noch zu erhöhen. Nun konnte man nicht einmal das Atmen hören, nur das Knistern des anbrennenden Baisers. Der brennende Alkohol lief an einigen Früchten entlang, fing sich in kleinen Vertiefungen der Silberplatte, flackerte zwischen Feigen und Orangenscheiben. Das Baiser wurde von unten beleuchtet, karamellisiert, als Bianca einzelne Tropfen des brennenden Gebräus darüberträufelte. Die weißen Spitzen wirkten plötzlich nicht mehr süß, sondern wie kleine Berge aus Gold.
Selbst Brian konnte seinen Blick nicht davon wenden, weil er in diesem Moment vergaß, so zu tun, als sei er nicht beeindruckt.
Die Flammen spiegelten sich in den Fenstern, in den Messern, in der Karaffe mit Wasser, im Rubin an Vittorios Ring. Auf jedem Gesicht lag für wenige Sekunden ein anderes Licht. Meghan sah jünger aus, aber leidenschaftlicher wie ein Felsen in einer Sandwüste. Fiona härter und müder als wäre sie die letzte lebende Koralle nach einem oberirdischen Atomwaffentest. Justine war ungeschützt wie ein Reh, nachdem der Wald über ihm abgebrannt war. Suns Gesicht wurde zu einem japanischen Vulkan aus geschmolzenem Stein. Wolfgangs Gesicht verwandelte sich in eine flackernde Spiegelung von Emmett, als hätte das Feuer beide hypnotisiert. Brian sah Justin an, doch der versank förmlich im Flammenspiel.
„Jetzt verstehe ich katholischen Kult“, sagte Brian leise, doch Justin rührte sich nicht und schien ihn nicht einmal mehr zu bemerken.
Vittorio hörte es hingegen sehr gut. „Wir haben die Flamme nicht erfunden. Wir haben sie gesegnet wie das Licht der Osterkerze, die Leuchten der Christmette oder auch nur die einfache Öllampe, die wir abends zur Vesper entzünden.“
Die Haushälterin stellte die geleerte Kasserolle wieder in das untere Fach, behielt aber die Kelle oben, bis das Feuer erloschen war. Dann nahm sie ein langes Messer, wärmte es kurz über der Gasflamme und schnitt präzise die Bombé an. Die Hülle gab zuerst nach, weich und hell, darunter kam die dünne Marzipanschicht, dann das Biskuit, dann das Eis. Im Inneren zeigte sich die Überraschung in Schichten: blassgrünes Masticha-Eis, goldener Honigyogurt, dunkle Feigenstücke, helle Biskuitstreifen und knallgrüne Pistazien in acht Schichten ineinander.
Emmett seufzte. „Innen ist es kalt, obwohl es außen brennt.“
Emmett sah auf die aufgeschnittene Bombé, dann auf die Tafel. „Nun kann ich es gar nicht mehr erwarten sie zu fühlen und zu schmecken.“
Die Köchin servierte still. Exakt gleich große Stücke auf den zum Mokkaservice passenden Dessertellern. Dazu je eine flambierte Orangenscheibe, eine Feige, einige Granatapfelkerne und ein Löffel heißer Saft von der Silberplatte. Der Kontrast ließ das Eis leicht an den Rändern schmelzen, nicht genug, um zu laufen, nur genug, um die Schichten miteinander zu verbinden.
Justin probierte zuerst das Eis. Masticha, Honig, Orange, Rauch vom Flambieren. Er schloss kurz die Augen.
Jilib war wieder da, als Geschmack von Salz und Hitze, der sich gegen etwas Kaltes drückte. Ein Riff im Dunkeln. Schwarze Korallen in heißem Meerwasser. Wein, der nicht zu dem Ort gehörte und doch in seinem Kopf einen Weg dorthin fand.
Brian sah ihn an. „Hast du zuviel von dem Metaxa erwischt?“
„Nein“, sagte Justin. „Zu wenig, bis jetzt.“
Justine hatte nichts übriggelassen. Sie schob die Schale der Orangenscheibe mit der Dessertgabel an den Rand des Tellers und sah zu Mary.
„Wer war sie?“
Mary legte ihren Löffel nieder. „Die Orange?“
„Ich frage mich, wen von uns Valeria Sebastienne mit ihrem Tod in den Wahnsinn treiben wollte? Den Kardinal oder Sun, Lito oder Wolfgang, Mutter oder Großmutter? War sie eine ehemalige Geliebte von Brian oder Justin, eine unzufriedene Kundin von Emmett oder jemand, der nicht von meinem Spiel überzeugt war. Es muss einen Grund geben, warum sie tot im Hof liegt. Dane ist gestorben, weil er andere retten wollte und ich ihn nicht gerettet habe, aber diese Frau, Valeria Sebastienne, sie ist gestorben, ohne dass ich weiß warum, ist das nicht tragisch?“ Verwirrt spießte sie ein Feigenstück von Meghans Teller auf und naschte davon.
Meghan löffelte das Eis und zuckte zusammen, als Justine schließlich die ganze Feige in den Mund schob.
Fiona sagte: „Justine, iss, wie wir es dir beigebracht haben, wenn du zu Gast bist, das ist keine Studentenwohnung in London, Kapstadt oder Ottawa.“
„Es tut mir leid, Großmutter, aber wir sitzen hier und essen brennendes Eis, während jeder die offensichtlichen Früchte übersieht. Jeder Tod hat ein Motiv, wenn auch nicht jeder Tod einen Sinn hat“
„Danes Tod hatte keinen Sinn. Er hätte nicht sterben müssen, wenn du...“, sagte Meghan zu schnell.
Fiona schlug so plötzlich mit der Hand auf den Tisch, dass sogar Vittorio aufschrak. „Meghan, tu das nicht! Nur der Herr weiß, warum er Dane so früh zu sich gerufen hat, aber Justine ist immer noch deine Tochter, die lebt. Vergiss das nicht!“
Meghan nahm den Löffel, setzte ihn wieder ab. „Ich habe meinen Sohn geliebt.“
Justine warf trotzig ihre Dessertgabel auf den Teller und zog die Serviette zum Mund, aber Justin bemerkte, dass sie darin nicht Zuckerreste abwischen, sondern ihre Tränen verbergen wollte. All ihr Witz und ihr Charme konnten die Wunde nicht schließen, die die fehlende Mutterliebe ihr schlug. Sie war nie das zweite Kind gewesen, nicht einmal das. Und sie hätte alles getan, um der Sohn zu sein, den Meghan sich gewünscht hatte und in Dane fand, obwohl der sie für ihr Studium in Rom jahrelang verlassen hatte.
Meghan schwieg.
Mary hob den Kopf. „Eine Familie kann auch ohne Zuneigung wachsen, aber sie verweht im Wind, wenn sie ihre Vorfahren vergisst und ihre Nachkommen nicht geboren werden.“ Marys Blick ging so sanft wie noch nie an diesem Abend zu Justine. „Kind, du bist die einzige Hoffnung unserer Familie, wenn wir drei schon lange tot sein werden wie diese Valeria da draußen, dann wirst du uneingeschränkt über Drogheda herrschen, das Land unserer Vorfahren. Du wirst Seide spinnen, Schafwolle weben und den roten Staub aus deinem Haar kämmen, Abend für Abend, weil du weißt, dass es dein Staub ist, von dem du kommst und zu dem du zurückkehrst. Es ist dein Erbe. Nur Dein Erbe!“
Fiona schloss die Augen, als sei der erste Stein endlich gefallen. Meghan rührte mit ihrem Löffel in der leeren Mokkatasse, während Justin nach Justines Hand griff und sie zustimmend drückte, was Brian argwöhnisch beäugte.
Vittorio stellte seine Tasse ab, nachdem er sie geleert hatte. Er wollte die Stille am Tisch nicht zu früh unterbrechen. „Mary, das Eis hat wohl ihr Herz geschmolzen.“
„Was denn? Ich mache mir nichts vor: Ich bin alt, Fiona ist alt. Und selbst Meghan würde keinen Mann mehr als Vater für weitere Kinder bekommen, wenn sie denn je einen gesucht hätte, nachdem dieser Straßenräuber Luke sie ohne Geld sitzen gelassen hätte, um mit seinem Arnie durchzubrennen.“
Sun sah zu Mary. „Schmerzt das verlorene Geld sie mehr als die Schmach ihrer Nichte?“
Marys Blick ging zu ihr. „Sie hören gut zu, Fräulein Kampfsportexpertin Sun, aber möglicherweise unterschätzen Sie meine Nichte: Wie ich versucht sie sich zu nehmen, was sie begehrt. Aber wie ich ist sie gescheitert. Ein schwacher Trost meines Alters. Jetzt weiß ich, dass es nicht an mir lag.“
Meghan wollte aufstehen, doch Fiona drückte sie nieder.
„Mach keine Szene, Meggie, Mary meint es nicht so.“
Brian flüsterte: „Jetzt wird es mir etwas zu heiß und familiär im Raum.“
Emmett hörte es und wurde blass.
Fiona legte den Löffel exakt neben den Teller. „Wir müssen Familieninterna nicht vor Fremden besprechen, die nur hier sind, weil sie Dane die letzte Ehre erweisen wollen.“
Wolfgang knurrte, aber Sun hob kaum sichtbar die Hand. Er schwieg nicht lange: „Ich habe meinen toten Vater gehasst und meinen mörderischen Onkel ausgeschaltet, bevor er mich umbringen konnte. Familie ist mir immer zu heiß.“
Brian sah zu Justin. Justin blickte auf die geschmolzene Linie zwischen Honigcreme und Eis, bevor er einen weiteren Löffel davon aß.
Lito saß sehr still. „Meine Mutter liebt mich“, sagte er. „Ich bin in diesem Augenblick froh, dass das so ist.“
„Schauspieler“, sagte Mary. „Immer das Offensichtliche mit einem Vorhang.“
„Nein“, sagte Justine betroffen. „Er hat recht. Ich würde mich auch freuen, wenn meine Mutter mich lieben könnte. Ich brauche das Geld nicht und auch nicht Drogheda. Ich habe jede Bühne der Welt, ob in London, Istanbul, Moskau, Tokio oder Wien. Aber Liebe kann man sich nicht erspielen.“
Sie sah zu Fiona. „Und du?“
Fiona nahm den Löffel, als wolle sie essen. Dann legte sie nur eine Pistazie darauf, die sie übervorsichtig zum Mund führte.
Die Bombé stand auf der Silberplatte, nun angeschnitten, die Schichten offen. Außen die Reste von Feuer, innen die kalte Konstruktion. Niemand sah sie mehr nur als Dessert.
Justine lachte einmal trocken. „Ihr seid so gut im Rechnen, so geistreich im Wortgefecht, aber auch so schweigsam wie ein Grab, wenn man um ein Zeichen der Nähe bittet. Von Mexiko bis Japan oder Polen gibt es keine Familie wie euch.“
Mary sah sie an.
Die Uhr im Haus schlug tief genug, dass alle sich erinnerten, wie spät es geworden war.
Vittorio faltete die Hände auf dem Tisch. „Die Polizei wird vor dem frühen Morgen nicht hier sein. Wir sind alle müde. Niemand bleibt heute Nacht allein. Keiner schläft allein. Niemand bewegt sich allein durch das Haus zum Schutz für uns alle.“
Mary lächelte kalt. „Und wer schützt uns vor der Person, mit der wir das Zimmer teilen?“
„Ich habe klug ausgewählt, wer mit wem das Zimmer teilen wird. So ist niemand allein und niemand hat die Gelegenheit mit alten Bekannten Dinge zu planen, die der Polizei missfallen werden.“
Er sagte es so ruhig, dass niemand widersprach. Vittorio sah der Reihe nach in die Runde.
„Mary und Fräulein Bak.“
Marys Gesicht veränderte sich nicht, aber der Smaragd an ihrem Hals bewegte sich mit ihrem Atem. Sun sah sie ruhig an.
„Lito und Meghan.“
Meghan erstarrte. Lito legte seine Serviette sehr langsam neben den Teller.
„Eminenz“, sagte Meghan, „ich glaube nicht, dass das passend ist.“
„Doch, denn Lito mit Wolfgang oder Sun zusammenzulegen, würde nur Marys Unruhe vergrößern. So überwacht Ihre Großtante Sun; und Sie übernehmen im Sinn der Familie Lito.“
Lito sah sie mit einer Freundlichkeit an, die nicht nachgab. „Ich kann sehr schweigsam sein.“
Brian schnaubte.
Lito sah ihn an. „Für Geld oder für die Kamera.“
Meghan antwortete nicht.
„Brian und Emmett, unsere unverdächtigen Freunde aus dem britischen Kanada.“
Emmett sah auf. „Oh.“
Brian drehte langsam den Kopf zu ihm. „Oh?“
„Ich meine nur, ich kann mich nicht erinnern, ob ich mit dir schon einmal das Zimmer geteilt habe - ich meine, nur mit dir allein.“
Vittorio fuhr fort, bevor Brian antworten konnte.
„Fiona und Wolfgang“, sagte Vittorio.
Fiona blickte zu Wolfgang. Wolfgang blickte zurück.
„Wenn das so gewünscht ist“, sagte Fiona.
Zum ersten Mal seit der Bombé zuckte etwas um Fionas Mund, das beinahe Humor gewesen wäre.
„Justin und Justine bleiben bei mir“, sagte Vittorio. „Wir übernehmen die erste Wache im Gang.“
Mary wandte sich sofort zu ihm. „Warum ausgerechnet diese beiden?“
„Weil Justin ein aufmerksamer Beobachter ist und ein malerisches Gedächtnis hat. Und weil Justine zu dieser Familie gehört, weshalb ihre Aufmerksamkeit konzentriert werden muss. In drei Stunden wechseln wir und Sie übernehmen mit Fräulein Bak die zweite Wache mit mir.“
Justine sah ihn an. „Ich danke für das Vertrauen, und für Justin als Partner.“
Justin sagte nichts. Er dachte an den Hof, an den Schuh, an die Steine, an die Handtasche, an die aufgeschnittene Bombé surprisè und an Justines weiche Haut, an die er sich von der Händchenhaltszene vorher auf der Terrasse erinnerte.
Brian beugte sich zu ihm. „Du musst das nicht machen, wenn du willst, leg du dich zu Emmett und ich passe auf deine australische Comtesse auf.“
„Justine ist nicht adelig“, sagte Justin. „Und du musst nicht eifersüchtig sein, ich habe nur Augen für dich, aber heute muss ich für sie wachen, damit keine bösen Bilder sie oder den Kardinal quälen.“
Vittorio wandte sich an die Haushälterin. „Schlagen Sie bitte noch die Betten in den Zimmern auf, dann können Sie sich auch zur Ruhe begeben, wir benötigen Sie heute nicht mehr.“
Emmett stellte seine Mokkatasse ab. Seine Hände waren jetzt ruhiger als vorhin.
„Fräulein Bak“, sagte er, „wenn Frau Carson auch nur ein Haar gekrümmt wird heute Nacht, wird keine koreanische Kampfkunst Sie retten können.“
Sun sah ihn an.
„Ich mag wie ein schwacher Schaufensterdekorateur aussehen“, sagte Emmett. „Aber ich habe eine unverbrüchliche Loyalität.“
Sun antwortete nicht sofort.
„Ich habe niemandem hier etwas getan“, sagte sie schließlich. „Und ich werde niemandem etwas tun, außer im Fall der Selbstverteidigung. Es muss mir also niemand drohen, der mich nicht angreifen will.“
Emmett nickte ernst.
Mary erhob sich als Erste. „Dann gehen wir also in Zimmergenossenschaften, wie früher im Mädchenpensionat.“
Vittorio blickte auf das Dessert, dessen Ränder bereits weicher wurden. „Die Reste der Bombé surprisè bleiben hier auf der Anrichte genauso wie der Kaffee. Wer heute Nacht wach bleibt, braucht vielleicht Zucker oder ein starkes Getränk.“
„Sie wird schmelzen.“ deutete Fiona an.
„Dann erinnert sie uns daran, dass nichts seine Form behält, wenn man zu lange wartet.“


